Audiophile Musik

Audio | 25. August 2018

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Audiophile Musik

Manches, was sich auf meinem Plattenteller dreht, ist 40 Jahre alt und älter. Manches klingt schlecht, vieles klingt für sein Alter überraschend gut und manches kann beim Hören Gänsehaut erzeugen. Für einen Ausflug an die Grenzen des Machbaren wird entsprechendes Material gebraucht: Audiophiles Material.

Die Schallplatte erlebt seit Jahren ein Revival. Presswerke produzieren rund um die Uhr. Die LP verkauft sich häufiger als die CD. Neue Musik wird immer häufiger auch auf Schallplatte gepresst, alte Musik wird auch auf Schallplatte neu aufgelegt. Plattenspieler stehen in allen Variationen und Preisklassen zum Kauf zur Verfügung.

In die Diskussion einzusteigen, ob Schallplatte besser oder schlechter ist als andere Quellen lohnt sich für mich nicht. Musik - und ihre Wiedergabe - ist Geschmackssache. Und das sich Geschmäcker, besser Hörgewohnheiten, über die Zeit ändern, zeigt auch die Tatsache, dass alte Musik oft genug den Hörgewohnheiten der nachkommenden Kundschaft - nicht immer zum Vorteil des Werkes - angepasst und neu herausgebracht wird.

Klassisch

(Ich höre klassische bevorzugt von Compact Discs. Diese Musik hat häufig eine sehr hohe Dynamik und die systembedingten Nebengeräusche der LP stören fast immer den Musikgenuss.)

Carlo Rizzi / Netherlands Philharmonic Orchestra: oreloB

Tacet, 2012

Carlo Rizzi / Netherlands Philharmonic Orchestra: oreloB

Diese Einspielung von Ravels Klassiker Bolero ist Geschmackssache. Sie ist manch Einem zu jazzig. Mir gefällt sie sehr gut. Das Audiophile an ihr: der Bolero ist rückwärts in die Rille geschrieben. Die Nadel wird dort aufgesetzt, wo gewohnterweise die Auslaufrille ist und wandert bei der Wiedergabe nach außen. Beim Bolero hat dies eindeutige Vorteile: Jede Umdrehung des Plattentellers spielt ca. zwei Sekunden Musik ab. Je weiter die Wiedergabe fortschreitet, desto weniger Platz steht bei normalen Pressungen für diese zwei Sekunden Musik in der Rille zur Verfügung. Der dynamische Abschluss des Boleros spielt sich hier also im äußeren Bereich der LP ab. Dort, wo ausreichend Platz für viel Musik ist.

World

Esther Ofarim: Esther

ATR-Master Recording, 1979

Esther Ofarim: Esther

Die israelische Künstlerin Esther Ofarim singt hier in Deutsch, Ladino (das Jiddisch der sephardischen Juden), Hebräisch, Französisch, Italienisch und Türkisch. Das Repertoire reicht von Heinrich Heines »Kinderspiele« über das israelische Wanderlied »Ziunionei Haderech« (Steine am Wegesrand) bis hin zu einer wundervollen Interpretation von »Pavane«, einer Komposition des Franzosen Thoinot Arbeau (1519 bis 1589). Der Klang der LP ist schlicht fantastisch. Die Atmosphäre, die Bühne, der Klang und die Stimme von Esther Ofarim, alles ist außergewöhnlich.

Buena Vista Social Club: Buena Vista Social Club

World Circuit, 1997 (Doppel-LP, 180g)

Buena Vista Social Club: Edición 25 Aniversario

Wer kennt dieses Album nicht? Daheim längst vergessene, dem Rest der Welt völlig unbekannte Musiker werden noch ein Mal zusammengebracht und erschaffen ein Meisterwerk der populären Musik! Vom ersten Ton des ersten Titels (Compai Segundos »Chan Chan«) weiß man, dieses Album gehört zu den audiophilen Meisterwerken! Augen zu und die Band spielt im Hörraum. Absolut realistisch!

Liedermacher

Konstantin Wecker: Genug ist nicht genug

Polydor, 1977

Konstantin Wecker: Genug ist nicht genug

Wecker begleitet seinen Gesang selbst mit Klavier und Xylofon. Dazu spielt ein Bass, eine Akustische Gitarre (6- oder 12-saitig) und ein Cello. Ein vierstimmiger Chor sorgt für den Backgroundgesang. Alles zusammen ergibt ein enorm präsentes, transparentes Klangbild. Jede Tonquelle steht sauber und deutlich im Raum. Ich bin stets auf neue von den Möglichkeiten der damaligen Zeit überrascht. Ein musikalisch-politisch-spiritueller Klassiker.

Singer-Songwriter

Rebecca Pidgeon: The Raven

Cheesky Records, 1994 (180g, Special Edition Pressing 2016)

Rebecca Pidgeon: The Raven

The Raven war das Solodebüt der schottischen Schauspielerin und Singer-Songwriterin Rebecca Pidgeon.Das Album ist eine feste Größe in der audiophilen Community. Jeder der 13 Titel hat seine besonderen Reize, besonders erwähnenswert sind Pidgeons exzellentes Cover von Phil Spectors »Spanish Harlem« und das fast schon hypnotische »You need me there«. Das Album ist beim Hören auf geradezu spektakuläre Weise unspektakulär. Nichts ist falsch, alles ist perfekt!

Jazz

Jacintha: Here’s to Ben

Groove Note Records, 1998 (45rpm Doppel-LP, 180g)

Jacintha: Here

Jacintha interpretiert Standards der populären Musik. Das machen viele Künstler, aber bei der Sängerin aus Singapur klingt es immer irgendwie besser. Klassiker wie »Georgia on my Mind«, »Stardust« und »The Look of Love« halten einen im Sessel fest. Der famose Höhepunkt ist allerdings das Traditional »Danny Boy«. Nach einem betörenden a Capella Teil setzt die instrumentale Begleitung ein … und die Gänsehaut. Soweit nicht bereits vorhanden. Ein wunderschönes Album, dessen Musik und dessen Klang sowie die Qualität der Pressung über jeden Zweifel erhaben ist.

Kari Bremnes: Norwegian Mood

Strange Way Records, 2000 (Doppel-LP, 180g)

KKari Bremns: Norwegian Mood

Die Norwegerin Kari Bremnes ist bekannt dafür, dass Sie Wert auf die audiophile Qualität ihrer Produktionen legt. Dieses Album singt sie in Englisch, daher gilt es unter den wahren Gralshütern als eher „kommerziell“. Die Musik ist wie immer Geschmackssache. Der Klang ist allerdings absolut frappierend! Die Sängerin befindet sich im gleichen Raum, in dem der Zuhörer sitzt. Es gibt unter dem Aspekt des audiophiles Klangs, der perfekten Wiedergabe, kaum ein Album, das dieses toppen könnte.

Country Rock

Eagles: Hell Freezes Over

Geffen Records, 1994 (Doppel-LP, 180g)

Eagles: Hell Freezes Over

Country-Rock ist nicht meins. Das Gejammer der Slideguitar finde ich scheußlich (Sorry, Ry Cooder!). »Hotel California« von 1976 ist da in weiten Teilen eine Ausnahme und das fantastische Livealbum »Hell Freezes Over« noch viel mehr! Die Lieder sind ausnahmslos wunderbar interpretiert. Einzelne Titel hervorzuheben, ist ein Sakrileg. Ich mache es trotzdem: »Hotel California« mit seinem Gänsehaut erzeugenden Intro, »The Last Ressort« und »Desperado«. Die Klangqualität und die Qualität der Pressung dieser Doppel-LP sind perfekt.

Rock

Dire Straits, Love over Gold

Phonogram, 1982

KDire Straits: Love Over Gold

Rock ist schwierig. Rockbands legen eher selten Wert auf audiophile Aufnahmen mit glasklarem Klang und realistischer Wiedergabe der Bühne. Die britische Band Dire Straits ist da eine löbliche Ausnahme. Fast immer wird in diesem Zusammenhang ihr Album »Brothers in Arms« von 1985 erwähnt. Ich gebe in Sachen audiophile Musik dem Album »Love Over Gold« allerdings den Vorrang. Die Titel »Telegraph Road«, »Private Invetigations« und »Love Over Gold« gehören zum Besten, was ich kenne!

Brutal

Erich Kunzel / Cincinnati Pops Orchestra, Robert Shaw / Atlanta Symphony Orchestra, Leonard Slatkin / Saint Louis Symphony Orchestra: A Spectacular Sound Experience

Telarc, 2019 (Doppel-LP, 45 rpm, 180g)

Verschiedene Künstler: A Spectacular Sound Experience

Die 16 Titel der Doppel-LP gehen brutal zu Werke. Aus einem Hochgebirge an Sound besonders hervorzuheben wären das Intro aus Also Sprach Zarathustra von Richard Strauss, das Intro aus Carl Orffs Carmina Burana und ein Auszug aus Tschaikowskys 1812. Wenn es mal wieder sehr laut und kraftvoll sein soll, steht diese Scheibe ganz oben auf der Liste.

Stresstest

Charly Antolini: Knock Out

Jeton, 1979

Charly Antollini: Knock Out

"Warning: This is no children's birthday party" ... No, it isn't! Ein Klassiker unter den "Testschallplatten", den man nur mit Vorsicht genießen sollte. Tonabnehmer und Tonarm, sowie Verstärker und Lautsprecher werden auf eine harte Probe gestellt. Die Wiedergabe der einzelnen Instrumente - es sind nicht allzu viele - ist einmalig! Die Aufnahme entstand im Direktschnittverfahren, bei der die Tonsignale direkt vom Mikrofon auf eine Lack- oder Kupferfolie geschrieben werden. Das sonst übliche Masterband - und die Option des Abmischens - entfällt bei diesem Verfahren. Der Sound kommt pur rüber. Ein echter Stresstest für die Anlage und die Nachbarn.


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